Wenn Menschen an Umweltverbrauch denken, denken sie an Kohlekraftwerke, Stahlwerke oder Chemiefabriken. Kaum jemand denkt an Rechenzentren. Dabei entstehen weltweit gigantische digitale Industrieanlagen, die Tag und Nacht Strom, Wasser und Rohstoffe verschlingen, damit unsere Clouds, Suchmaschinen, sozialen Netzwerke und KI-Systeme funktionieren. Während wir ein paar Wörter in eine Suchmaschine eingeben oder eine KI um eine Antwort bitten, laufen irgendwo tausende Hochleistungsprozessoren auf Hochtouren.

Die eigentliche Frage lautet: Wer bezahlt den Preis für unsere digitale Bequemlichkeit?

Das Wasserproblem

Server produzieren enorme Mengen Wärme. Diese Wärme muss abgeführt werden. Deshalb verbrauchen viele Rechenzentren gewaltige Mengen Wasser zur Kühlung. Grosse Anlagen können laut Fachberichten bis zu 5 Millionen Gallonen Wasser pro Tag benötigen – das entspricht dem Wasserverbrauch einer Kleinstadt mit zehntausenden Einwohnern. Während Politiker über Wasserknappheit sprechen und Bürger zum Wassersparen aufgerufen werden, entstehen überall neue Rechenzentren, deren Kühlbedarf ganze Regionen verändern kann.

5 Millionen US-Gallonen Wasser pro Tag entsprechen ungefähr 18,9 Millionen Litern Wasser pro Tag. Das ist eine Zahl, mit der sich kaum jemand etwas vorstellen kann. Deshalb helfen Vergleiche:

  • Wasser für Menschen: Rund 150.000 Menschen verbrauchen so viel Wasser an einem Tag.Das entspricht ungefähr einer Stadt in der Größenordnung von: Pforzheim oder Regensburg.
  • Ein olympisches Schwimmbecken fasst etwa 2,5 Millionen Liter Wasser. 18,9 Millionen Liter = etwa 7,5 olympische Schwimmbecken – jeden einzelnen Tag.
  • Tanklastwagen: Ein großer Tanklastwagen transportiert etwa 30.000 Liter Wasser. 18,9 Millionen Liter = rund 630 Tanklastwagen pro Tag. Aneinandergereiht ergäbe das eine mehrere Kilometer lange Fahrzeugkolonne.
  • Badewannen: Eine Badewanne fasst etwa 150 Liter. 18,9 Millionen Liter = 126.000 Badewannen pro Tag.

Ein Jahr Betrieb. Wenn ein Rechenzentrum tatsächlich 5 Millionen Gallonen täglich verbraucht: 
18,9 Mio Liter pro Tag × 365 Tage = rund 6,9 Milliarden Liter Wasser pro Jahr.
Das entspricht: etwa 2.760 olympischen Schwimmbecken oder dem Jahresverbrauch einer mittelgrossen Stadt.

Während Bürger zum Wassersparen aufgefordert werden, können die größten Rechenzentren der Welt an einem einzigen Tag so viel Wasser verbrauchen wie eine Stadt mit über 150.000 Einwohnern. Das entspricht mehr als sieben olympischen Schwimmbecken – jeden Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr.

Wasserverbrauch

Die Zahl 5 Millionen US-Gallonen pro Tag = 18,9 Millionen Liter pro Tag klingt riesig, ist aber für einen grossen See oft überraschend wenig.

Ein paar Vergleiche:

Gewässer Volumen Wie lange würden 18,9 Mio. Liter/Tag brauchen?
Kleiner Dorfweiher (10 Mio. Liter) 10 Mio. Liter ca. 13 Stunden
Kleiner Badesee (100 Mio. Liter) 100 Mio. Liter ca. 5 Tage
Mittelgroßer See (1 Mrd. Liter) 1 Milliarde Liter ca. 53 Tage
Großer See (10 Mrd. Liter) 10 Milliarden Liter ca. 1,45 Jahre
Bodensee ca. 48 Billionen Liter  ca. 7.000 Jahre

Anschaulicher Vergleich. 18,9 Millionen Liter pro Tag bedeuten:

  • 756.000 Liter pro Stunde
  • 12.600 Liter pro Minute
  • 210 Liter pro Sekunde

Das entspricht ungefähr einer Badewanne pro Sekunde, die rund um die Uhr geleert wird.

Für einen riesigen See geht das weniger ins Gewicht, wie für eine Region mit: Trockenheit, sinkendem Grundwasserspiegel, wachsender Bevölkerung, Landwirtschaft, mehreren Rechenzentren, kann der zusätzliche Verbrauch jedoch erheblich werden. Deshalb geht es bei der Kritik an Rechenzentren meist weniger darum, dass sie einen ganzen See „austrinken“, sondern darum, dass: Tausende Haushalte, Landwirte und Ökosysteme um dieselbe Wasserressource konkurrieren, während ein einzelnes Rechenzentrum täglich Wassermengen verbraucht, die dem Bedarf einer Kleinstadt entsprechen. Das ist oft der Punkt, an dem die Diskussion politisch wird: Nicht die absolute Wassermenge allein, sondern wer das Wasser bekommt und wer darauf verzichten muss.

Wasserverbrauch See

Wenn ein Glas Wasser 250 ml enthält. Nehmen wir als grobe Orientierung an, dass einfache digitale Aktionen im Bereich von einigen Millilitern bis einigen Dutzend Millilitern indirektem Wasserverbrauch liegen können. Dann könnte man veranschaulichen:

1 Glas Wasser = 250 ml

  • Eine einfache Suchmaschinenanfrage → wenige Milliliter
  • Eine Google-Maps-Anfrage → wenige bis einige Milliliter
  • Ein Social-Media-Post → wenige Milliliter

Ein einzelner Klick wirkt also harmlos. Das Problem ist die Masse. Wenn Milliarden Menschen dieselben Aktionen durchführen: 1 Milliarde Suchanfragen, hunderte Millionen Kartenabfragen sowie Milliarden Social-Media-Interaktionen dann werden aus Millilitern plötzlich: 

  • Millionen Liter
  • Zehnmillionen Liter
  • ganze Seen über lange Zeiträume

Die einzelne Suchanfrage leert keinen See. Der einzelne Facebook-Post verursacht keine Wasserkrise. Doch wenn Milliarden Menschen jeden Tag Milliarden digitale Aktionen ausführen, entsteht ein Ressourcenverbrauch, den kaum jemand wahrnimmt – weil er hinter Bildschirmen, Serverhallen und Kühltürmen verborgen bleibt.

Georgia – Wenn die Server Vorrang haben

In Georgia sorgte ein neues Meta-Rechenzentrum für massive Beschwerden von Anwohnern. Bewohner berichteten von Problemen mit Wasserdruck, Verfärbungen des Trinkwassers, Lärm und Belastungen der Infrastruktur. Politiker forderten Untersuchungen, nachdem Anwohner erklärten, sie seien zunehmend auf Flaschenwasser angewiesen. Ob alle Vorwürfe unmittelbar auf das Rechenzentrum zurückzuführen sind, wird weiterhin diskutiert. Doch die Debatte zeigt ein grundsätzliches Problem: Wenn Milliardenkonzerne auf die Ressourcen einer Region zugreifen, geraten die Interessen der Anwohner oft in den Hintergrund.

Wassertropfen

Die große KI-Aufrüstung

Am zweiten Tag seiner Amtszeit stellte Donald T. gemeinsam mit OpenAI, Oracle und SoftBank das sogenannte Stargate-Projekt vor. Geplant sind Investitionen von bis zu 500 Milliarden Dollar in neue KI-Infrastruktur und Rechenzentren in den USA. Dabei geht es nicht um Kryptowährungen. Der größte Wachstumstreiber ist heute vor allem:

  • Künstliche Intelligenz
  • Cloud-Dienste
  • Streaming
  • Soziale Netzwerke
  • Datenanalyse
  • Militärische und staatliche Anwendungen

Der eigentliche Energiehunger entsteht inzwischen zunehmend durch KI-Systeme und die dafür benötigten Grafikprozessoren.

Im Internet kursieren Behauptungen dass eine einzelne Google-Maps-Anfrage ein Dorf mit Strom versorgen könnte, das scheint wohl nicht der Fall zu sein.  Tatsächlich benötigen Suchanfragen zwar Energie und Kühlung, aber nicht in dieser Größenordnung. Anders sieht es bei großen KI-Systemen aus. Wissenschaftliche Schätzungen kommen auf einige Milliliter Wasser pro Anfrage, abhängig vom Modell, Standort und Kühlsystem. Bei Milliarden täglicher Anfragen summiert sich das jedoch zu enormen Mengen. Die Frage ist deshalb nicht, ob eine einzelne Anfrage problematisch ist. Die Frage ist, was passiert, wenn Milliarden Menschen und Millionen Unternehmen diese Systeme rund um die Uhr nutzen. Die Gefahr besteht darin, dass ihre Kosten oft unsichtbar bleiben. Wir sehen die App. Wir sehen die Suchmaschine. Wir sehen die KI.

Wir sehen nicht: die Kraftwerke, die Wasserleitungen, die Kühltürme, die Rohstoffminen, die Landschaften, die Gemeinden sowie die Stromnetze. Je digitaler unsere Welt wird, desto größer wird die Versuchung zu glauben, digitale Dienste seien immateriell. Doch hinter jedem Klick steht eine physische Infrastruktur.Und diese Infrastruktur wird immer grösser. Vielleicht sollte die wichtigste Frage deshalb nicht lauten: „Wie intelligent wird die nächste KI?“ Sondern:

„Wie viel Wasser, Strom und Lebensraum sind wir bereit zu opfern, damit sie existieren kann?“

Was passiert, wenn jeder Schritt digital überwacht und verarbeitet wird?

Heute nutzen Milliarden Menschen digitale Dienste freiwillig. Sie suchen. Sie posten. Sie navigieren. Sie bezahlen.

Doch was passiert, wenn eines Tages nahezu jede Handlung digital erfasst werden muss? Jede Zahlung. Jeder Behördengang. Jede Versicherung. Jeder Kauf. Jeder Zugang zu Dienstleistungen. Alles über digitale Identitäten, Online-Prüfungen, Datenbanken und Rechenzentren.

Die meisten Menschen stellen sich dabei vor allem Fragen der Freiheit und Privatsphäre. Doch kaum jemand spricht über eine andere Seite: Den Ressourcenverbrauch einer vollständig digitalisierten Gesellschaft. Jede digitale Identität benötigt Server. Jede Authentifizierung benötigt Rechenleistung. Jede Transaktion erzeugt Daten. Jeder Datenpunkt wird gespeichert, verarbeitet, gesichert, repliziert und archiviert. Was heute noch Milliarden Datensätze sind, könnten morgen Billionen sein. 

Das eigentliche Paradox

Befürworter argumentieren, digitale Systeme seien effizienter als Papier. Das stimmt oft. Doch je umfassender die Digitalisierung wird, desto grösser werden auch die Infrastrukturen dahinter. Mehr Rechenzentren. Mehr Glasfasernetze. Mehr Server. Mehr Kühlsysteme. Mehr Strom. Mehr Wasser. 

Die digitale Welt wirkt unsichtbar. Ihre Infrastruktur ist es nicht. Bargeld verschwindet – was entsteht stattdessen? Ein Geldschein benötigt keine Internetverbindung. Keine Cloud. Keine Serverfarm. Kein Rechenzentrum. Keine Identitätsprüfung. Keine Echtzeitabfrage. Keine Datenbank. Wenn dagegen jede einzelne Transaktion digital verarbeitet wird, entsteht ein permanenter Datenstrom. Die Frage lautet daher nicht, ob digitale Zahlungen möglich sind. Die Frage lautet: Wie gross wird die Infrastruktur, wenn irgendwann praktisch jede menschliche Aktivität digital erfasst, geprüft und gespeichert werden muss?

Selbst wenn eine einzelne digitale Prüfung nur Bruchteile einer Sekunde Rechenzeit benötigt, werden daraus bei Milliarden Menschen gewaltige Mengen. Wenn Milliarden Nutzer: täglich bezahlen, sich anmelden, Dokumente abrufen, Gesundheitsdaten verwalten, Behörden nutzen, digitale Nachweise vorzeigen, entstehen unvorstellbare Datenmengen. Der Ressourcenverbrauch wächst dabei nicht linear. Mit jeder neuen Ebene von Sicherheit, Speicherung, Verschlüsselung, Backup-Systemen und Redundanz steigen die Anforderungen an Strom, Kühlung und Infrastruktur.

Vielleicht wird die wichtigste Debatte der Zukunft nicht sein, ob digitale Systeme möglich sind. Sondern: Wie viel Freiheit, Energie, Wasser und Infrastruktur sind wir bereit einzusetzen, um eine vollständig digitalisierte Gesellschaft aufrechtzuerhalten? Denn jede digitale Bequemlichkeit hat einen Preis. Die meisten Menschen sehen nur den Bildschirm. Die Serverhallen, Kühltürme, Kraftwerke und Wasserleitungen dahinter bleiben unsichtbar.

Digital ID

Der grösste Energieverbrauch eines solchen Systems läge wahrscheinlich nicht bei der digitalen Identität selbst, sondern bei der gesamten Infrastruktur dahinter – Rechenzentren, Netzwerke, Endgeräte, KI-Systeme, Cloud-Speicher, Videoüberwachung, Datenanalysen und Sicherheitsmechanismen. Kryptowährungen wie Bitcoin können sehr energieintensiv sein, aber der Grossteil des heutigen Rechenzentrumswachstums wird inzwischen eher durch Cloud-Dienste und KI-Anwendungen getrieben als durch Kryptowährungen allein.

Eine andere Welt ist denkbar

Vielleicht besteht die grösste geistige Begrenzung unserer Zeit darin, dass viele Menschen sich keine grundlegend andere Gesellschaft mehr vorstellen können. Wir diskutieren darüber, welche Partei regieren soll. Welche Steuer erhöht oder gesenkt werden soll. Welches Gesetz geändert werden muss. Welches System verbessert werden könnte. Doch nur selten stellen wir die Frage: Was, wenn das gesamte Fundament falsch ist?

  • Was, wenn die Menschheit längst über die technischen Möglichkeiten verfügt, jedem Menschen ein würdiges Leben zu ermöglichen?
  • Was, wenn Hunger nicht deshalb existiert, weil es zu wenig Nahrung gibt?
  • Was, wenn Armut nicht deshalb existiert, weil es an Ressourcen fehlt?
  • Was, wenn Obdachlosigkeit nicht deshalb existiert, weil es zu wenige Häuser gibt?

Sondern weil unsere Systeme auf künstlicher Knappheit beruhen.

Stellen wir uns eine Welt vor, in der jeder Mensch Zugang zu Nahrung, Wasser, Wohnraum, Bildung und medizinischer Versorgung hat. Nicht als Privileg. Nicht als Belohnung. Nicht als Ware. Sondern als selbstverständliche Grundlage des Lebens. Eine Welt, in der niemand morgens aufsteht, weil die Miete bezahlt werden muss. Sondern weil er etwas erschaffen, lernen, helfen oder erleben möchte. Eine Welt, in der Menschen arbeiten, weil sie einen Sinn darin sehen. Nicht weil sie Angst vor dem Existenzverlust haben.

Wie viele Menschen verbringen ihr Leben heute an Orten, an denen sie gar nicht sein möchten? Stundenlang. Tag für Tag. Jahrzehntelang. Nicht weil ihre Tätigkeit unverzichtbar wäre. Sondern weil das System ihre Anwesenheit verlangt. Wie viele Geschäfte, Büros und Einrichtungen werden täglich besetzt, obwohl stundenlang kaum jemand erscheint? Wie viele Menschen tauschen ihre Lebenszeit gegen Zahlen auf einem Bildschirm? Wie viele Talente verkümmern, weil sie nie die Gelegenheit erhalten, sich frei zu entfalten? Vielleicht wäre die größte Revolution nicht eine neue Technologie. Sondern die Rückgabe der Zeit an den Menschen.

Wir wachsen in einer Welt auf, die Hierarchien als selbstverständlich betrachtet. Oben und unten. Vorgesetzte und Untergebene. Behörden und Antragsteller. Kontrollierende und Kontrollierte. Doch vielleicht ist Gleichwertigkeit kein Idealismus. Vielleicht ist sie die logische Weiterentwicklung einer reifen Gesellschaft. Eine Welt, in der Menschen einander nicht aufgrund von Titeln, Vermögen oder Positionen bewerten. Sondern aufgrund ihres Handelns. Ihrer Integrität. Ihrer Menschlichkeit.

Vielleicht werden zukünftige Generationen auf unsere Zeit zurückblicken wie wir heute auf Feudalherrschaft oder Leibeigenschaft. Sie werden sich fragen: „Ihr habt wirklich Zahlen auf Konten erschaffen und dann eure gesamte Lebenszeit dafür verkauft?“ „Ihr habt Häuser leer stehen lassen, während Menschen auf der Strasse lebten?“ „Ihr habt Nahrung vernichtet, während andere hungerten?“ „Ihr habt Menschen in Konkurrenz zueinander gesetzt, obwohl genug für alle vorhanden war?“ Vielleicht wird Geld eines Tages nur noch eine historische Erinnerung sein. Ein Werkzeug einer früheren Epoche. So wie wir heute auf andere überwundene Systeme zurückblicken.

Vielleicht ist die wichtigste Frage nicht, ob eine solche Welt möglich ist. Vielleicht lautet die wichtigere Frage: Warum fällt es uns so schwer, sie uns überhaupt vorzustellen? Jede große Veränderung der Menschheitsgeschichte erschien unmöglich – bis sie Realität wurde. Die Abschaffung der Sklaverei. Das Frauenwahlrecht. Arbeitsschutz. Demokratie. Menschenrechte. All das wurde einst als unrealistische Utopie verspottet. Vielleicht sind die Grenzen der Zukunft deshalb nicht die Grenzen der Technik. Sondern die Grenzen unserer Vorstellungskraft. Und vielleicht beginnt jede bessere Welt mit einem einzigen Gedanken: Es muss nicht so bleiben, nur weil es immer so war.