Drohnenfabriken in Serbien. Aufrüstung in Europa. Milliarden für Waffen. Neue Produktionskapazitäten. Neue Bündnisse.
Während in der Ukraine seit Jahren ein Krieg geführt wird, verändert sich gleichzeitig die militärische Landschaft Europas. Immer mehr Länder bauen ihre Rüstungsindustrie aus. Und ein Bereich entwickelt sich dabei besonders schnell: Drohnen. Serbien ist dafür ein Beispiel. Serbien baut gemeinsam mit Israel eine neue Drohnenindustrie auf. Serbien und der israelische Rüstungskonzern Elbit Systems bauen gemeinsam eine Drohnenfabrik in Šimanovci bei Belgrad auf. Nach Angaben von Präsident Aleksandar Vučić soll die Fabrik Mitte September 2026 eröffnet werden. Elbit soll 51 Prozent und die serbische staatliche Rüstungsfirma Jugoimport SDPR 49 Prozent halten. Das Projekt kommt nicht aus dem Nichts.
Serbien hat bereits umfangreiche israelische Waffensysteme bestellt. Zu den Lieferungen gehören unter anderem Hermes-900-Drohnen. 2025 wurde ausserdem ein wesentlich grösseres Rüstungspaket im Wert von rund 1,6 Milliarden Dollar bekannt, das Drohnen, Langstreckenwaffen und elektronische Kampfführung umfasst. Gleichzeitig entwickelt Serbien eigene Systeme. Das serbische Verteidigungsministerium berichtet beispielsweise über die Entwicklung und Produktion der Kamikaze-Drohne „Komarac“und über weitere Systeme wie Lanius-X, Vihor und Gavran. Damit wird Serbien selbst zunehmend zu einem Teil der europäischen Rüstungs- und Drohnenindustrie. Und das ist nur ein kleines Beispiel für eine viel grössere Entwicklung.
Kamikaze-Drohne „Komarac“
Der Komarac (Mücke) ist eine serbische FPV-Kamikazedrohne, die als vergleichsweise kostengünstiges Einwegsystem für den direkten Angriff entwickelt wurde. Die Komarac-Varianten können gegen Personal, leicht befestigte Ziele und gepanzerte Fahrzeuge eingesetzt werden; beim Komarac 2 nennt das serbische Verteidigungsministerium einen 90-mm-Sprengkopf mit kombinierter Hohlladungs- und Splitterwirkung. Seine Zerstörungswirkung entsteht damit nicht durch eine grosse Flugzeugbombe, sondern durch die Kombination aus präziser Annäherung und einem auf das jeweilige Ziel abgestimmten Gefechtskopf. Der Drohnenoperator verfolgt das Ziel über eine Live-Kamera und führt die Drohne unmittelbar zum Ziel. Besonders problematisch für konventionelle Streitkräfte ist die Möglichkeit, solche Systeme in grösserer Zahl einzusetzen – wodurch aus einzelnen kleinen Drohnen schnell ein gefährlicher Schwarm werden kann.
Lanius-X
Der Lanius-X gehört zu einer neuen Generation von Kurzstrecken-Kampfdrohnen und wurde 2026 erstmals öffentlich im Rahmen einer Vorführung der serbischen Streitkräfte gezeigt. Das System verfügt über integrierte künstliche Intelligenz sowie optische und Lasersensoren und kann nach Angaben des serbischen Verteidigungsministeriums sogar in Gebäuden und ohne GPS-Signal operieren. Dadurch eignet sich der Lanius-X insbesondere für Spezialoperationen und urbane Gefechte, bei denen herkömmliche GPS-abhängige Drohnen an Grenzen stossen können. Die serbische Führung bezeichnete ihn ausdrücklich als Kamikazedrohne und als bedeutende Verstärkung der eigenen militärischen Fähigkeiten. Über die genaue Grösse und Wirkung seines Gefechtskopfes sind öffentlich derzeit keine ausreichend belastbaren technischen Angaben verfügbar – seine Bedeutung liegt daher vor allem in der Kombination aus Autonomie, Sensorik und präziser Zielbekämpfung.
„Vihor“ – der Drohnenjäger
Vihor verfolgt ein völlig anderes Konzept: Es handelt sich nicht primär um eine Angriffsdrohne gegen Bodenziele, sondern um einen Drohnen-Abfangjäger. Das System wurde 2026 erstmals öffentlich präsentiert und soll gegnerische unbemannte Fluggeräte bekämpfen. Vihor basiert nach veröffentlichten Informationen auf der FPV-Drohnenfamilie Komarac und wird im Zusammenspiel mit einem System zur Erkennung und Störung gegnerischer Drohnen eingesetzt. Seine „Zerstörungskraft“ richtet sich damit nicht gegen Panzer oder Gebäude, sondern gegen die gegnerische Drohnenflotte selbst. Das macht ihn zu einem wichtigen Bestandteil einer modernen Drohnenabwehr, denn ein Gegner kann damit nicht nur bekämpft, sondern gezielt bei seiner Aufklärung und Angriffsfähigkeit geschwächt werden.
„Gavran 145“ – die weitreichende Kamikazedrohne
Der Gavran 145 ist eine deutlich grössere Kategorie von „Loitering Munition“ und damit wesentlich mehr als eine kleine FPV-Drohne. Das System kann über längere Zeit in einem Zielgebiet kreisen und auf einen geeigneten Zeitpunkt für den Angriff warten; aktuelle Angaben nennen je nach Variante Reichweiten bis etwa 150 Kilometer, während bestimmte Konfigurationen weiter reichen können. Besonders erheblich ist die mögliche Gefechtskopfmasse: Für den Gavran 145 werden öffentlich 8 bis 15 Kilogramm angegeben, wobei das System laut VTI-Unterlagen auch für die Bekämpfung schwer gepanzerter Ziele vorgesehen ist. Damit kann Gavran nicht nur einzelne Soldaten oder leichte Fahrzeuge bekämpfen, sondern auch gegen Panzer, Artilleriestellungen, Gefechtsstände und andere hochwertige Ziele eingesetzt werden. Seine eigentliche Stärke liegt in der Kombination aus Reichweite, langer Verweildauer über dem Zielgebiet und der Fähigkeit, einen Angriff erst nach der Identifizierung eines geeigneten Ziels durchzuführen.
Hermes 900 – das Auge über dem Gefechtsfeld
Der israelische Hermes 900 unterscheidet sich grundlegend von den Kamikazedrohnen. Die grosse Langstreckenplattform ist vor allem für Aufklärung, Überwachung und Zielerfassung konzipiert und kann über viele Stunden in der Luft bleiben. Serbien hat den Hermes 900 in sein Aufklärungssystem aufgenommen; er wurde unter anderem der 353. Aufklärungsstaffel zugeordnet. Seine eigentliche „Zerstörungskraft“ liegt deshalb nicht unbedingt in einem eigenen Angriff, sondern in der Fähigkeit, Ziele über grosse Entfernungen zu beobachten, Informationen zu sammeln und damit andere Waffensysteme zu unterstützen. Der Hermes 900 kann mit leistungsfähigen Sensoren und weiteren Nutzlasten ausgestattet werden und bildet damit eine Art fliegende Aufklärungs- und Führungsplattform. In einem modernen Krieg kann genau diese Funktion entscheidend sein: Wer Ziele schneller erkennt, identifiziert und verfolgt, kann anschliessend Artillerie, Raketen oder Kampfdrohnen präziser einsetzen.
Vom kleinen FPV-Drohnenangriff bis zur vernetzten Kriegsführung
Die fünf Systeme zeigen damit ziemlich deutlich, in welche Richtung sich moderne Kriegsführung entwickelt: Komarac für den unmittelbaren Angriff, Lanius-X für hochpräzise Einsätze im urbanen Raum, Vihor zur Bekämpfung gegnerischer Drohnen, Gavran für weitreichende Angriffe und Hermes 900 für die Aufklärung und Zielerfassung. Es geht damit nicht mehr nur um einzelne Fluggeräte, sondern um ein miteinander verbundenes System aus Aufklärung, Identifizierung, Zielverfolgung, Angriff und Drohnenabwehr. Besonders bemerkenswert ist, dass das serbische Verteidigungsministerium 2026 ausdrücklich von der Entwicklung robotisierter Einheiten mit schweren Drohnen und Loitering-Munition verschiedener Reichweiten spricht. Die Entwicklung zeigt somit, wie stark Drohnen inzwischen von einem zusätzlichen militärischen Werkzeug zu einem zentralen Bestandteil moderner Streitkräfte geworden sind.
Vučić (serbischer Präsident) sagte im Interview mit der Weltwoche vom 22. Juli 2026 tatsächlich, dass er nach September eine deutlich schlimmere Situation erwartet. Wörtlich sagte er auf Englisch:
“I believe that we’ll have even worse situation after September which means within two months it will be even worse than today.”
Auf die Nachfrage, was er damit meine, präzisierte er:
“I believe you’ll have bigger escalation at least speaking about Russia Ukraine War.”
Und anschliessend erklärte er, er glaube, dass Russland Ende September oder im Oktober einen grösseren Vorstoss bzw. eine grössere Offensive machen könne.
Der Krieg in der Ukraine verändert die Kriegsführung
Der Russland-Ukraine-Krieg hat gezeigt, welche Bedeutung unbemannte Systeme inzwischen besitzen. Drohnen können Ziele identifizieren, Artillerie unterstützen, Fahrzeuge angreifen und teilweise selbst als Waffen eingesetzt werden. Die Ukraine hat ihre Drohnenproduktion massiv ausgeweitet. Auch Russland produziert Drohnen inzwischen in enormen Stückzahlen. Der Krieg entwickelt sich damit immer stärker zu einem technologischen Wettbewerb um autonome Systeme, elektronische Kriegsführung, Sensoren, Kommunikation und künstliche Intelligenz. Das Entscheidende daran: Man braucht nicht mehr zwingend eine klassische Grossmachtarmee, um militärisch relevante Fähigkeiten aufzubauen.
Ein Land kann mit relativ kleinen, hochautomatisierten Systemen Fähigkeiten entwickeln, die früher wesentlich teurer gewesen wären. Und deshalb rüsten immer mehr Staaten auf. Nicht unbedingt, weil sie morgen einen Krieg beginnen wollen. Sondern weil sie befürchten, dass sie im nächsten Konflikt ohne entsprechende Fähigkeiten schutzlos sein könnten. Damit entsteht jedoch ein paradoxes System: Jeder rüstet auf, um sicherer zu werden – und gleichzeitig wird die Welt immer stärker militarisiert.
Aber warum eigentlich Russland?
Hier beginnt die schwierigere Frage. Warum hat sich die NATO seit dem Ende des Kalten Krieges immer weiter nach Osten ausgedehnt? Aus Sicht der NATO lautet die Antwort: Sicherheit. Die NATO argumentiert, dass Staaten selbst entscheiden dürfen, welchem Bündnis sie beitreten. Viele osteuropäische Länder wollten nach dem Ende der sowjetischen Vorherrschaft gerade deshalb in die NATO, weil sie Russland als potenzielle Bedrohung betrachteten. Finnland trat 2023 der NATO bei, Schweden folgte 2024. Die NATO selbst betont zwar, sie strebe keine Konfrontation mit Russland an und sehe ihre militärische Politik als Abschreckung.
Aus russischer Perspektive sieht die Geschichte allerdings völlig anders aus. Moskau betrachtet die NATO-Erweiterung als schrittweises Vorrücken eines militärischen Bündnisses an die eigenen Grenzen. Und genau hier liegt das Sicherheitsdilemma: Was die eine Seite als Verteidigung bezeichnet, kann von der anderen Seite als Bedrohung wahrgenommen werden. Wenn Land A sagt: „Wir müssen aufrüsten, weil wir Angst vor Land B haben.“ und Land B daraufhin sagt: „Wir müssen aufrüsten, weil Land A aufrüstet.“ dann entsteht ein Kreislauf. Beide Seiten können dabei überzeugt sein, defensiv zu handeln. Und trotzdem wird das Gesamtsystem immer gefährlicher.
Aber geht es wirklich nur um Sicherheit?
Hier wird die Rohstofffrage interessant. Denn Russland ist nicht einfach irgendein grosses Land. Russland verfügt über eine aussergewöhnliche Konzentration strategischer Ressourcen. Dazu gehören: Erdöl, Erdgas, Kohle, Nickel, Palladium, Platin, Gold, Diamanten, Titan, Kupfer, Kobalt, Vanadium, Kaliumsalze, Eisen, Uran und zahlreiche weitere mineralische Rohstoffe. Der US Geological Survey führt Russland bei zahlreichen wichtigen Rohstoffen unter den weltweit bedeutenden Produzenten. 2024 war Russland beispielsweise weltweit führend bei Palladium, industriellen Diamanten und mehreren weiteren mineralischen Rohstoffen; bei Nickel, Platin, Gold, Kalium und Vanadium gehörte das Land ebenfalls zu den führenden Produzenten.
Auch die russische Regierung selbst beschreibt die enorme Breite der heimischen Rohstoffbasis und nennt unter anderem Öl, Gas, Kohle, Eisen, Nickel, Kobalt, Kupfer, Wolfram, Gold, Silber, Platingruppenmetalle, Diamanten, Phosphate und Kaliumsalze. Das ist geopolitisch enorm relevant. Denn moderne Wirtschaft braucht nicht nur Öl. Sie braucht „Rohstoffe“.
Öl ist nur ein Teil des Problems
Wenn wir über die Abhängigkeit der modernen Welt von fossilen Brennstoffen sprechen, denken viele zunächst an Autos. Doch Öl steckt in sehr viel mehr. Öl wird benötigt für
- Treibstoffe: Benzin, Diesel, Kerosin und Schiffstreibstoffe.
- Industrie: Schmierstoffe, Lösungsmittel, Chemikalien, Kunststoffe und synthetische Materialien.
- Landwirtschaft: Treibstoff für Maschinen, Transport, Herstellung und Transport von Betriebsmitteln und petrochemische Produkte.
- Bauwesen: Asphalt, Bitumen, Dämmstoffe, Kunststoffe und Beschichtungen
- Medizin: zahlreiche Kunststoffe, Verpackungen, medizinische Einwegprodukte und chemische Ausgangsstoffe
- Textilien: Polyester, Nylon, Acryl und zahlreiche synthetische Fasern
- Luftfahrt: Kerosin ist bis heute von zentraler Bedeutung.
Und auch militärische Systeme benötigen enorme Mengen an Energie und petrochemischen Produkten.
Und dann kommt Erdgas. Bei Russland darf man deshalb nicht nur auf Öl schauen. Russland besitzt laut US Energy Information Administration rund 58 Milliarden Barrel nachgewiesene Ölreserven und produzierte 2024 etwa 9,2 Millionen Barrel Rohöl pro Tag. Bei Erdgas sind die Zahlen noch beeindruckender: Russland verfügte 2023 über rund 1.559 Billionen Kubikfuss nachgewiesene Erdgasreserven und produzierte 2024 etwa 23,2 Billionen Kubikfuss Erdgas. Wenn man die Reserven einfach durch die aktuelle Jahresproduktion teilt, ergibt sich rechnerisch eine statische Grössenordnung von ungefähr 17 Jahren Öl und 67 Jahren Gas.
Aber: Das bedeutet nicht, dass Russland in 17 beziehungsweise 67 Jahren „leer“ ist. Reserven verändern sich. Neue Lagerstätten werden entdeckt. Technologien verbessern die Förderung. Preise verändern, was wirtschaftlich förderbar ist. Produktion kann steigen oder sinken. Und ausserdem gibt es Ressourcen, die heute noch nicht als wirtschaftlich förderbare Reserven gelten. Die Rechnung zeigt deshalb lediglich die Grössenordnung.
Wenn Russland beispielsweise 5 Mio. Barrel pro Tag exportiert und 4 Mio. selbst verbraucht, werden trotzdem 9 Mio. Barrel aus den Lagerstätten entnommen. Ob das Öl in Russland verbrannt oder nach Indien, China oder anderswo verkauft wird, verändert die geologische Erschöpfungsrate zunächst nicht. Wenn Russland dagegen seine Exporte stark reduziert und dadurch auch die Gesamtförderung reduziert, könnte das Öl wesentlich länger reichen. Gleichzeitig wären die 58 Milliarden Barrel keine feste „Tankanzeige“: neue Lagerstätten können entdeckt werden, bestehende können technisch anders bewertet werden, und bei sinkender Förderung kann ein Teil der heute nicht wirtschaftlich förderbaren Ressourcen später wirtschaftlich werden. Das macht die 17 Jahre also zu einer Rechenillustration, nicht zu einem Ablaufdatum.
Knappheit lässt sich grundsätzlich auf zwei Arten begegnen: indem man die Zahl der Menschen reduziert – oder indem man die Menge der verfügbaren Ressourcen pro Mensch erhöht und den Ressourcenverbrauch pro Einheit Wohlstand senkt. Die zweite Richtung ist ethisch und zivilisatorisch eine völlig andere. Nicht: „Wie viele Menschen können wir uns noch leisten?“ sondern: „Wie können wir eine Welt bauen, in der ein Mensch immer weniger endliche Ressourcen benötigt, um gut zu leben?“ Das führt zu Energieeffizienz, langlebigen Maschinen, Recycling, Elektrifizierung, erneuerbaren Energien, automatisierter Produktion, besseren Speichern und einer Infrastruktur, die weniger Material und Energie für dieselbe Lebensqualität benötigt.
Eine Gesellschaft, die ihre Energieversorgung zunehmend aus dezentralen, erneuerbaren und praktisch unerschöpflichen Quellen bezieht, verändert auch die politische Bedeutung von Rohstoffen. Öl, Gas und Kohle sind nicht nur Energiequellen. Sie sind auch Machtquellen, weil sie konzentriert vorkommen, gehandelt, transportiert und kontrolliert werden können. Vielleicht besteht eine der grossen Aufgaben unserer Zeit nicht darin, herauszufinden, wie wir die letzten Tropfen Öl möglichst lange für die alten Machtstrukturen nutzen können. Vielleicht sollten wir einen Teil dieses letzten fossilen Energieüberschusses dafür verwenden, die Maschinen zu bauen, die uns von der Abhängigkeit von fossilen Energien befreien. Nicht weniger Menschen als Antwort auf die Knappheit – sondern weniger Knappheit als Antwort auf die Bedürfnisse der Menschen. Denn die entscheidende Frage ist nicht, wie lange wir noch Öl verkaufen können. Die entscheidende Frage ist, was wir mit der Energie und den Ressourcen bauen, solange wir sie noch haben.
Was passiert, wenn einem Land das Öl ausgeht?
Hier wird es besonders interessant. Ein Land geht nicht automatisch am Tag X bankrott, an dem kein Öl mehr aus einem Bohrloch kommt. Es hängt davon ab, wie stark das Land vom Öl abhängig ist. Ein diversifiziertes Land kann einen Produktionsrückgang durch Importe, andere Energieträger, erneuerbare Energien, Kernkraft, Kohle, Gas oder technologische Anpassungen teilweise auffangen. Ein Land, dessen Staatshaushalt und Exportwirtschaft massiv von Öl abhängen, steht dagegen vor einem wesentlich grösseren Problem. Denn Öl bringt nicht nur Energie. Es bringt: Exporterlöse → Devisen → Steuereinnahmen → Staatshaushalt → Sozialleistungen → Infrastruktur → Militär → öffentliche Gehälter.
Fällt dieser Geldstrom stark ab, entsteht eine Kettenreaktion. Der Internationale Währungsfonds beschreibt genau diesen Mechanismus: Bei stark sinkenden Einnahmen aus natürlichen Ressourcen können Staatseinnahmen zurückgehen, Ausgaben müssen gekürzt oder Schulden aufgenommen werden und gleichzeitig können Investitionen und Wirtschaftswachstum leiden.
Wie schnell könnte das passieren? Das hängt vom Ausgangspunkt ab.
Wenn die Ölproduktion plötzlich auf null fällt, dann wäre das zunächst kein „Bankrott“, sondern ein „Versorgungsschock“. Kraftstoffreserven könnten einen Teil der Nachfrage kurzfristig abdecken. Die Internationale Energieagentur verlangt beispielsweise von ihren Mitgliedstaaten strategische Ölreserven, die in vielen Ländern mehrere Wochen Nettoimporte abdecken. Danach würden jedoch die Probleme schnell grösser:
Tage bis Wochen:
- Treibstoff wird knapp
- Preise steigen
- Logistik wird teurer
- Tankstellen können ausverkauft sein
Wochen bis Monate:
- Transportkosten explodieren
- Lebensmittel werden teurer
- Flug- und Schiffsverkehr wird eingeschränkt
- industrielle Produktion wird reduziert
- Inflation steigt
Monate bis Jahre:
- Staatseinnahmen sinken
- Währung gerät unter Druck
- Importe werden schwieriger
- Arbeitslosigkeit steigt
- Unternehmen gehen insolvent
- öffentliche Ausgaben müssen gekürzt werden
- Staatsschulden können explodieren
Ein Land wird also nicht dadurch bankrott, dass „kein Öl mehr da ist“. Es kann bankrottgehen, wenn seine gesamte Wirtschafts- und Finanzstruktur nicht schnell genug an den Wegfall der Einnahmen und Energie angepasst werden kann. Deshalb sind Rohstoffe Macht und hier schliesst sich der Kreis. Öl ist Macht. Gas ist Macht. Nickel ist Macht. Kupfer ist Macht. Titan ist Macht. Palladium ist Macht. Seltene Erden sind Macht. Uran ist Macht. Denn diese Rohstoffe stehen nicht nur für Geld. Sie stehen für: Energie, Industrie, Transport, Technologie, Militär, Elektronik, Batterien, Luftfahrt und Rüstung.
Die Internationale Energieagentur weist inzwischen ausdrücklich darauf hin, dass kritische Mineralien eine ebenso wichtige strategische Dimension wie traditionelle Energieversorgung bekommen. Bei 19 von 20 strategischen Mineralien ist ein einzelnes Land der dominierende Raffineriestandort – mit einem durchschnittlichen Marktanteil von rund 70 Prozent. Die geopolitische Auseinandersetzung der Zukunft könnte deshalb nicht mehr nur um Öl gehen. Sie könnte um die gesamte Rohstoffkette gehen. Vom Bergwerk über die Raffinerie bis zur Hightechfabrik.
Bedeutet das, dass die NATO Russland wegen seiner Rohstoffe umzingeln will? Die NATO begründet offiziell ihre Osterweiterung mit Sicherheitsinteressen und dem Wunsch souveräner Staaten, dem Bündnis beizutreten. Russland wiederum betrachtet die Ausdehnung des westlichen Militärbündnisses an seine Grenzen als strategische Bedrohung. Beides gehört zur Realität dieses Konflikts. Die Rohstofffrage ist trotzdem relevant. Denn in einer Welt, in der Energie und kritische Mineralien zunehmend zu strategischen Gütern werden, besitzt ein Land mit der Grösse Russlands zwangsläufig eine enorme geopolitische Bedeutung.
Das bedeutet nicht automatisch: „Der Krieg findet wegen russischem Öl statt.“ Aber es bedeutet sehr wohl: Rohstoffe beeinflussen Machtverhältnisse und Machtverhältnisse beeinflussen Geopolitik.
Was wir derzeit beobachten, ist deshalb grösser als die Frage, welche Drohne Serbien produziert. Es entsteht eine neue Sicherheitsökonomie. Europa baut Produktionskapazitäten auf. Serbien baut Drohnen. Israel exportiert militärische Technologie. Die USA investieren in kritische Mineralien. China kontrolliert grosse Teile wichtiger Verarbeitungsketten. Russland besitzt enorme Energie- und Rohstoffreserven. Die Ukraine entwickelt eine hochmoderne Drohnenindustrie. Und immer mehr Staaten sprechen von strategischer Autonomie, Versorgungssicherheit und Verteidigungsfähigkeit.
Wenn jeder Staat sich auf einen möglichen Krieg vorbereitet, wird Kriegsvorbereitung selbst zu einem riesigen Wirtschaftszweig. Und je grösser dieser Wirtschaftszweig wird, desto stärker werden die Interessen, die an ihm hängen.
Von der Friedensdividende zur Kriegswirtschaft? Nach dem Ende des Kalten Krieges glaubten viele Menschen, dass die Welt langfristig weniger militärisch werden würde. Heute erleben wir das Gegenteil. Rüstungsbudgets steigen. Neue Waffenfabriken entstehen. Drohnen werden in Massen produziert. Munition wird wieder zum strategischen Gut. Staaten bauen Lieferketten um. Rohstoffe werden als Sicherheitsfrage behandelt. Und die Grenzen zwischen ziviler Technologie und militärischer Technologie verschwimmen zunehmend. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur: Wer gewinnt den nächsten Krieg? Sondern: Welche Welt entsteht, wenn sich immer mehr Länder darauf vorbereiten, dass der nächste Krieg kommen könnte?
Vielleicht stehen wir gerade zwischen zwei Welten. In der einen Welt geht es um Handel, Kooperation, Energieversorgung und gegenseitige Abhängigkeit. In der anderen geht es um Autarkie, Aufrüstung, strategische Rohstoffe und militärische Produktionskapazitäten. Und vielleicht ist genau diese Entwicklung der wichtigste Teil der Geschichte: Die Welt rüstet nicht nur Waffen auf. Sie rüstet ihre gesamte Wirtschaft auf einen möglichen Konflikt um. Drohnen sind dabei nur die sichtbare Spitze. Darunter liegen Energie, Rohstoffe, Technologie, Transportwege, Produktionskapazitäten, Halbleiter, Metalle, Daten und Geld. Denn wer die Energie und Rohstoffe kontrolliert, kontrolliert einen Teil der industriellen Grundlage moderner Macht. Und wer diese Grundlage verliert, kann selbst mit den besten Waffen langfristig nicht bestehen.
Die vielleicht wichtigste Frage unserer Zeit lautet deshalb nicht nur: Wer hat die meisten Waffen? Sondern: Wer besitzt die Rohstoffe, die notwendig sind, um diese Waffen, diese Industrie und diese moderne Welt überhaupt am Laufen zu halten? Und genau dort beginnt die nächste Ebene der geopolitischen Auseinandersetzung.
Wenn Handelspartner verarmen
Man kann seinen Gegner wirtschaftlich schwächen – aber wenn man ihn zu stark schwächt, kann man damit auch den eigenen Markt zerstören. Denn Rohstoffe haben keinen Wert im luftleeren Raum. Sie brauchen Menschen, Unternehmen und Staaten, die sie kaufen können. Ein Europa, das seine Industrie verliert, seine Bevölkerung verarmt und seine Infrastruktur nicht mehr finanzieren kann, ist langfristig auch für Rohstoffexporteure kein idealer Handelspartner. Der wirklich profitable Handel braucht deshalb nicht einen reichen Verkäufer und einen armen Käufer, sondern zwei Seiten, die wirtschaftlich stark genug sind, miteinander zu handeln.
Rohstoffe → Exporte → Einnahmen → Investitionen → Nachfrage nach Importen → Handelspartner verdienen → weitere Nachfrage nach Rohstoffen
Vielleicht liegt genau darin ein grundsätzliches Missverständnis vieler Machtstrategien: Wenn man die wirtschaftliche Grundlage des anderen zerstört, zerstört man irgendwann auch einen Teil der Grundlage, von der der eigene Wohlstand abhängt. Russland kann über grosse Öl-, Gas- und Rohstoffvorkommen verfügen. Aber daraus folgt nicht, dass diese Ressourcen automatisch Wohlstand erzeugen. Wenn europäische Abnehmer beispielsweise weniger kaufen können oder wollen, kann Russland zwar versuchen, seine Rohstoffe nach China, Indien, in die Türkei oder anderswohin umzuleiten. Das kann funktionieren – aber möglicherweise nur mit: höheren Transportkosten, neuen Pipelines oder LNG-Infrastruktur, Preisnachlässen,
längeren Transportwegen, zusätzlichen Versicherungs- und Finanzierungskosten oder einer geringeren Zahl potenzieller Käufer.
Ein Barrel Öl, das niemand zu einem wirtschaftlich attraktiven Preis kaufen kann, ist ökonomisch wesentlich weniger wert als ein Barrel Öl, für das mehrere solvente Käufer konkurrieren. Und es gibt noch einen zweiten Effekt: Wenn Europa wirtschaftlich schwächer wird, sinkt möglicherweise nicht nur die Nachfrage nach russischen Rohstoffen. Europa kann dann auch weniger Maschinen, Fahrzeuge, Medikamente, Technologie und andere Waren aus Russland oder anderen Ländern kaufen. Damit verliert auch der Exporteur einen Teil seiner Absatzmärkte. Deshalb ist „Rohstoffe haben“ nicht dasselbe wie „wirtschaftlich mächtig sein“
Ein Land kann sehr reich an Ressourcen sein und trotzdem wirtschaftlich unter Druck geraten. Denn wirtschaftliche Macht entsteht aus einer Kombination von:
Rohstoffen + Technologie + Kapital + Arbeitskräften + Infrastruktur + Absatzmärkten + Handelspartnern.
Wenn ein Element ausfällt, kann das gesamte System leiden. Und genau deshalb wäre es für Russland langfristig ebenfalls problematisch, wenn Europa dauerhaft wirtschaftlich kollabieren würde. Ein wohlhabendes Europa ist ein grosser Markt, ein wichtiger Technologiepartner und Teil eines globalen Finanz- und Produktionssystems.
Krieg oder staatlich organisierte Piraterie?
Wenn wir über Krieg sprechen, verwenden wir meist Begriffe wie Verteidigung, Sicherheit, Freiheit, Demokratie oder nationale Interessen. Aber was passiert, wenn man die Rhetorik einmal beiseitelässt und eine viel ältere Frage stellt? Geht es bei manchen Kriegen nicht auch um etwas sehr Elementares: Land, Ressourcen, Energie, Handelswege und wirtschaftliche Macht? Dann bekommt der Begriff Krieg eine andere Dimension. Denn aus Sicht der Geschichte ist die Eroberung fremder Ressourcen keineswegs neu. Königreiche eroberten Gebiete wegen ihrer fruchtbaren Böden, ihrer Häfen, ihrer Handelswege, ihrer Bodenschätze und ihrer strategischen Lage. Kolonialmächte eroberten Territorien und bauten deren Rohstoffe und Arbeitskraft in ihre eigenen Wirtschaftssysteme ein. Und auch in der modernen Welt verschwinden wirtschaftliche Interessen nicht einfach dadurch, dass man sie in die Sprache von Sicherheit und Geopolitik übersetzt.
Ist es Piraterie – nur mit Flagge und Armee? Piraterie bedeutet vereinfacht: Man nimmt sich etwas, das einem nicht gehört, mit Gewalt. Überträgt man dieses Prinzip auf Staaten, wird es natürlich komplizierter. Ein Staat kann ein anderes Land militärisch angreifen und dabei offiziell völlig andere Ziele nennen: Nationale Sicherheit, Schutz der Bevölkerung, Terrorismusbekämpfung, Humanitäre Intervention, Verteidigung, Stabilisierung oder gar Friedensmission. Manchmal sind diese Begründungen tatsächlich der entscheidende Grund.
Aber manchmal können hinter einer militärischen Auseinandersetzung gleichzeitig strategische und wirtschaftliche Interessen stehen. Und genau deshalb lohnt sich die Frage: Was befindet sich eigentlich in dem Land, um das gekämpft wird?
Der moderne Schatz liegt nicht mehr in einer Schatztruhe
Früher waren Gold und Silber die offensichtlichen Schätze. Heute ist der Begriff „Ressourcen“ wesentlich grösser. Ein Land kann wertvoll sein wegen: Erdöl, Erdgas, Uran, Lithium (Ukraine und Serbien haben grosse Ressourcen), Kupfer, Nickel, Kobalt, Titan, Graphit, seltenen Erden, Gold, Kohle, Phosphat, fruchtbarem Ackerland, Wasser, Häfen, Pipelines sowie wichtigen Handelsrouten. Und manchmal ist nicht einmal der Rohstoff selbst das Wertvollste. Es kann die Kontrolle über den Zugang sein. Wer kontrolliert: eine Pipeline, einen Hafen, eine Meeresroute, eine Mine, die Raffinerie, die Infrastruktur oder bekommt die Förderrechte? Das sind Fragen von enormer wirtschaftlicher Bedeutung.
2008 vereinbarten Serbien und Russland den Verkauf von 51 % der Naftna Industrija Srbije (NIS) an Gazprom Neft. Der vereinbarte Kaufpreis betrug 400 Mio. €. Zusätzlich verpflichtete sich Gazprom Neft zu mindestens 500 Mio. € Investitionen in die Modernisierung von NIS. Der Verkauf war Teil eines grösseren russisch-serbischen Energieabkommens, das auch South Stream und das Gasspeicherprojekt Banatski Dvor umfasste. Gleichzeitig befand sich Serbien finanziell in einer schwierigen Lage. Der IWF beschreibt 2008/09 erhebliche Finanzierungsprobleme und einen stark gestiegenen Schuldendruck. Die Privatisierung von NIS brachte dem Staat Einnahmen von etwa 1,25 % des BIP. Kritiker hielten insbesondere den nicht wettbewerblich ermittelten Preis von 400 Mio. € für zu niedrig.
Die Ukraine besitzt erhebliche Vorkommen strategischer Rohstoffe. Dazu gehören unter anderem: Lithium, Titan, Graphit, Uran, Mangan und weitere kritische Mineralien. Reuters berichtete 2025, dass die Ukraine 22 der 34 von der EU als kritisch eingestuften Mineralien besitzt und dass grosse Teile der ukrainischen Rohstoffbasis durch Krieg und Besatzung betroffen sind. Noch interessanter wird es dadurch, dass die USA und die Ukraine 2025 ein Abkommen über eine gemeinsame Investitionsstruktur für ukrainische Rohstoffe vereinbarten. Dabei geht es nicht nur um sogenannte „seltene Erden“, sondern auch um andere strategische Ressourcen und zukünftige Projekte in Bereichen wie Bergbau, Öl, Gas und Infrastruktur. Rohstoffe sind inzwischen so wichtig, dass Staaten nach und während eines Krieges versuchen, sich langfristigen Zugang zu ihnen zu sichern.
Und genau hier wird es unbequem, denn wenn ein Krieg dazu führt, dass ein Staat die Kontrolle über ein rohstoffreiches Gebiet übernimmt und anschliessend dortige Minen, Häfen, Landwirtschaft oder andere wirtschaftliche Vermögenswerte kontrolliert, dann stellt sich eine unangenehme Frage: Wo endet militärische Besatzung und wo beginnt wirtschaftliche Ausbeutung? Das Völkerrecht zieht hier durchaus Grenzen. Plünderung ist nach dem humanitären Völkerrecht verboten. Die Haager Landkriegsordnung von 1907 verbietet ausdrücklich die Plünderung eroberter Orte. Auch bei natürlichen Ressourcen gilt nicht einfach: „Wer das Gebiet kontrolliert, darf alles mitnehmen.“
Das Besatzungsrecht erlaubt unter bestimmten Bedingungen eine Verwaltung und Nutzung von Ressourcen, setzt dieser Nutzung aber Grenzen. Die Regeln sollen insbesondere verhindern, dass ein Besatzer die Ressourcen eines besetzten Gebietes einfach zu seinem eigenen wirtschaftlichen Vorteil ausbeutet. Das ist ein wichtiger Unterschied. Denn militärische Kontrolle über ein Gebiet bedeutet nicht automatisch rechtmässiges Eigentum an dessen Ressourcen.
Die Verbindung zwischen Krieg und Ressourcen ist keine Erfindung der Gegenwart. Der Erste Golfkrieg ist ein besonders offensichtliches Beispiel für einen Konflikt, bei dem Öl eine zentrale strategische Bedeutung hatte. Auch der Irakkrieg von 2003 wurde immer wieder unter dem Gesichtspunkt der Ölinteressen diskutiert. Historisch und politisch ist die Frage nach der tatsächlichen Gewichtung dieser Motive umstritten – aber dass Öl im geopolitischen Kontext des Nahen Ostens eine enorme Bedeutung besitzt, ist unbestreitbar. Genau deshalb sollte man vorsichtig sein mit einfachen Erklärungen. Es wäre genauso falsch zu sagen: „Jeder Krieg wird nur wegen Rohstoffen geführt.“ wie zu behaupten:„Rohstoffe spielen bei Kriegen niemals eine Rolle.“ Die Realität ist meistens komplizierter.
Vielleicht ist die bessere Frage: Wer profitiert? Eine der interessantesten Fragen lautet deshalb nicht: „Was sagt die Regierung, warum dieser Krieg geführt wird?“ Sondern: „Wer profitiert wirtschaftlich davon, wenn sich die Machtverhältnisse verändern?“ Wer bekommt nach einem Krieg die Förderrechte? Wer baut die Infrastruktur wieder auf? Wer erhält die Konzessionen? Wer kontrolliert Häfen und Pipelines? Wer liefert Waffen? Wer liefert Energie? Wer finanziert den Wiederaufbau? Wer erhält Zugang zu Rohstoffen? Wer bekommt langfristige Verträge? Diese Fragen können manchmal mehr über die wirtschaftliche Dimension eines Konfliktes verraten als die offizielle Kriegsrhetorik.
Der Krieg endet – aber die wirtschaftliche Neuordnung beginnt
Besonders interessant ist deshalb die Zeit nach einem Krieg. Denn ein Krieg zerstört nicht nur. Er verändert Eigentumsverhältnisse, Grenzen, Handelswege, Infrastruktur, Produktionsketten sowie Märkte. Und manchmal auch den Zugang zu natürlichen Ressourcen. Ein aktuelles Beispiel ist die russische Besatzung ukrainischer Gebiete. Eine Reuters-Recherche von 2026 dokumentiert, dass Russland in besetzten Gebieten Infrastruktur massiv ausbaut, Häfen und Verkehrswege integriert und zugleich natürliche Ressourcen sowie Bergbauvermögen unter russische Kontrolle bringt. Reuters berichtete unter anderem über den Verkauf von Förderrechten an Bergwerken und über den Abbau und Export von Kohle aus besetzten Gebieten.
Das ist ein konkreter Fall, bei dem militärische Kontrolle und wirtschaftliche Nutzung miteinander verbunden sind. Die Frage, ob daraus der Schluss gezogen werden kann, dass Rohstoffe der Hauptgrund für den gesamten Krieg waren, ist hingegen eine andere – und lässt sich nicht allein aus diesen Vorgängen beweisen.
Vielleicht müssen wir deshalb unser Bild von Eroberung verändern. Früher bedeutete Eroberung: Flagge auf dem Gebäude. Heute kann Eroberung viel subtiler aussehen. Ein Gebiet wird militärisch kontrolliert. Dann werden Strassen und Eisenbahnen neu ausgerichtet. Häfen werden integriert. Unternehmen wechseln den Besitzer. Förderrechte werden neu vergeben. Rohstoffe fliessen in andere Lieferketten. Banken und Währungen werden integriert. Die lokale Wirtschaft wird an die Wirtschaft des Besatzers angeschlossen. Und irgendwann entsteht eine Situation, in der die wirtschaftliche Realität genauso wichtig wird wie die militärische Kontrolle. Wer ein Gebiet kontrolliert, kontrolliert möglicherweise nicht nur Menschen und Territorium – sondern auch die Produktionsmittel dieses Gebietes.
Ist Krieg also nur Piraterie? Nein. Aber die Frage ist trotzdem wichtig. Denn wenn wir jeden Krieg ausschliesslich mit den Begriffen „Sicherheit und Verteidigung“ erklären, übersehen wir möglicherweise einen Teil der Realität. Und wenn wir umgekehrt jeden Krieg ausschliesslich als „Ressourcenraub“ erklären, machen wir es uns ebenfalls zu einfach. Die Wahrheit kann gleichzeitig mehrere Ebenen haben. Ein Staat kann sich tatsächlich bedroht fühlen. Ein anderer Staat kann tatsächlich expansiv handeln. Beide Seiten können Sicherheitsinteressen haben. Und gleichzeitig können Unternehmen, Rohstoffe, Energie, Handelswege und langfristige wirtschaftliche Interessen eine Rolle spielen. Geopolitik ist selten eindimensional.
Die entscheidende Frage für die Zukunft. Vielleicht sollten wir deshalb bei jedem grossen Konflikt nicht nur fragen: Wer ist der Gute? Wer ist der Böse? Wer hat angefangen? Sondern auch: Was befindet sich dort? Wem gehört es? Wer kontrolliert es? Wer braucht es? Wer finanziert den Krieg? Wer liefert die Waffen? Wer profitiert vom Wiederaufbau? Und wer bekommt am Ende Zugang zu den Ressourcen? Denn möglicherweise ist das die nüchternste Betrachtungsweise von Geopolitik: Nicht nur auf die Worte hören – sondern auf die Interessen schauen.
Die Welt erzählt Kriege in Geschichten. Von Freiheit, Sicherheit, Demokratie, Verteidigung sowie Bedrohung. Doch hinter diesen Geschichten existiert eine zweite Ebene: Energie, Rohstoffe, Geld, Handelswege, Produktionskapazitäten, Märkte und Macht. Und vielleicht liegt genau dort eine der unangenehmsten Wahrheiten der Geschichte: Manchmal wird ein Krieg als Verteidigung verkauft, während gleichzeitig um die Kontrolle über das gekämpft wird, was sich hinter den Grenzen befindet. Das macht nicht jeden Krieg zu Piraterie. Aber es macht die Frage legitim: Wenn ein Staat mit militärischer Gewalt in ein anderes Land eindringt und anschliessend dessen Land, Häfen, Minen, Energiequellen oder andere wirtschaftliche Ressourcen kontrolliert – wie weit unterscheidet sich das im Kern noch von der alten Logik der Eroberung und Plünderung?
Vielleicht hat sich die Sprache verändert. Vielleicht haben sich die Waffen verändert. Vielleicht tragen die Akteure heute Anzüge statt Piratenhüte. Aber die grundlegende Frage ist geblieben: Wer kontrolliert am Ende den Schatz?
Wer bezahlt die Zerstörung – und wer bezahlt den Wiederaufbau?
Wenn ein Land im Krieg grosse Teile seiner Infrastruktur verliert, entstehen enorme Kosten: Strassen, Stromnetze, Wohnungen, Krankenhäuser, Fabriken, Häfen und Eisenbahnen müssen repariert oder neu gebaut werden. Das Geld dafür kann aus sehr unterschiedlichen Quellen kommen: dem eigenen Staatshaushalt, Steuern der Bevölkerung, neuen Staatsanleihen, internationalen Krediten, Hilfszahlungen, eingefrorenen Vermögenswerten des Aggressors, privaten Investitionen oder einer Kombination daraus. Derjenige, der den Wiederaufbau durchführt, ist also nicht zwangsläufig derjenige, der ihn finanziert. Und genau hier entsteht dein interessanter Punkt.
Wer bestimmt den Preis? Der Preis wird normalerweise nicht von einer einzigen Stelle festgelegt. Bei öffentlichen Infrastrukturprojekten gibt es Ausschreibungen und Verträge. Unternehmen konkurrieren um Aufträge. Bei grossen internationalen Projekten können aber zusätzlich Regierungen, Entwicklungsbanken, internationale Organisationen und Kreditgeber erheblichen Einfluss darauf haben, welche Projekte finanziert werden, unter welchen Bedingungen und von wem. Wenn ein Staat beispielsweise einen Kredit aufnimmt, um einen Flughafen oder eine Eisenbahn wieder aufzubauen, entstehen daraus:
Baukosten → Kredit → Zinsen → zukünftige Staatshaushalte → zukünftige Steuerzahler.
Das bedeutet nicht automatisch, dass die Bevölkerung „über Generationen verschuldet“ wird. Aber bei hohen Schulden kann die Last tatsächlich sehr lange bestehen bleiben.
Bei einem hypothetisches Land, wenn es im Krieg einen grossen Teil seiner Infrastruktur verliert, dann benötigt es beispielsweise 100 Mrd. € Wiederaufbau. Das Land besitzt aber nur 20 Mrd. € eigene Mittel. Also nimmt es 80 Mrd. € Kredite auf. Dann können diejenigen, die das Geld bereitstellen, Bedingungen stellen – beispielsweise bezüglich Reformen, Privatisierungen, Investitionsprojekten oder zukünftiger Einnahmen. Das Land besitzt gleichzeitig Rohstoffe. Dann entsteht eine mögliche Verbindung:
Krieg → Zerstörung → Kapitalbedarf → Verschuldung → Investitionen → langfristige Verträge/Konzessionen.
Ein Krieg zerstört nicht nur Menschenleben und Gebäude. Er kann auch zukünftige Staatseinnahmen zerstören. Ein Land verliert beispielsweise: Arbeitskräfte, Unternehmen, Produktionskapazitäten, Steuerzahler, Infrastruktur, Exportmöglichkeiten,
Wohnraum sowie Bildung und Humankapital. Wenn danach Kredite aufgenommen werden, muss die nächste Generation möglicherweise einen Teil dieser Schulden bedienen. Damit entsteht eine paradoxe Situation: Menschen, die den Krieg nicht verursacht haben, können jahrzehntelang für seine wirtschaftlichen Folgen bezahlen. Problematisch wird es, wenn die Verschuldung schneller wächst als die Fähigkeit des Landes, Einkommen und Staatseinnahmen zu erzeugen.
Wenn wir Milliarden dafür aufbringen können, einander zu zerstören und anschliessend dieselben Städte für noch mehr Milliarden wieder aufzubauen – warum investieren wir dieses Geld nicht von Anfang an darin, diese Städte, diese Menschen und diese Zukunft zu erhalten?
Schlussgedanke
Bist du bereit, unter diesen Umständen dein Leben zu riskieren? Bist du bereit, als Kanonenfutter zu enden, wenn andere über die politischen Ziele entscheiden, für die du dein Leben einsetzen sollst? Diese Frage wird wieder dringlicher. Israel setzt Frauen längst auch in Kampfeinheiten ein. In der Ukraine dienen zehntausende Frauen im Militär. Und Dänemark hat die Wehrpflicht inzwischen auf Frauen ausgeweitet – die ersten Einberufenen des neuen, verlängerten Wehrdienstes sind 2026 angetreten. Und damit verändert sich auch die Frage, die wir uns stellen müssen. Nicht: „Bist du bereit, für dein Land zu sterben?“ Sondern: „Wofür genau soll ich mein Leben riskieren – und wer entscheidet darüber?“ Denn Patriotismus darf nicht bedeuten, dass ein Mensch seine moralische Verantwortung an eine Regierung, einen General, eine Partei oder eine politische Ideologie abgibt.
Ein Staat kann seine Bürger auffordern, zu kämpfen. Aber daraus folgt nicht automatisch, dass jeder Krieg moralisch richtig ist. Vielleicht ist genau hier die Grenze zwischen Verantwortung und Gehorsam. Es ist etwas völlig anderes, seine Familie, seine Nachbarn und seine Freiheit zu schützen, als sich blind für politische Interessen opfern zu lassen. Und vielleicht sollten wir gerade angesichts der technischen Entwicklung eine andere Frage stellen: Warum muss die Zukunft der Menschheit immer noch darin bestehen, dass Menschen einander töten?
Wir entwickeln Drohnen, autonome Systeme, künstliche Intelligenz und Maschinen, die immer mehr Aufgaben übernehmen können. Wir können Menschen aus gefährlichen Arbeitsprozessen heraushalten und Maschinen dorthin schicken, wo es gefährlich wird. Aber gleichzeitig schicken wir weiterhin Menschen an die Front. Vielleicht sollte unser Fortschritt deshalb nicht daran gemessen werden, wie effizient wir Menschen in Kriege schicken können, sondern daran, wie gut wir es schaffen, Menschen überhaupt nicht mehr in solche Situationen schicken zu müssen.
Die entscheidende Frage ist daher nicht nur: „Wer wird morgen eingezogen?“ Sondern: „Wann beginnen wir, unsere technischen Möglichkeiten dafür einzusetzen, Menschenleben zu schützen – statt sie effizienter zu gefährden?“
Wir haben über so viele Jahrhunderte hinweg aus den immer gleichen Katastrophen lernen können: wie leicht Menschen durch Gefolgschaft, Manipulation und Hetze durch Obrigkeiten dazu gebracht werden können, sich gegenseitig auszulöschen und zu dezimieren. Immer wieder wurden Generationen junger, starker Männer in Kriege geschickt – Menschen, die sich unter anderen Umständen vielleicht gegenseitig unterstützt, Familien gegründet, Wissen geteilt und gemeinsam etwas aufgebaut hätten. Wir haben gelernt, wie man Menschen gegeneinander aufbringt. Wir haben gelernt, wie man Angst erzeugt, Feindbilder schafft und Gehorsam zur Tugend erklärt. Doch die entscheidende Frage bleibt: Wann lernen wir endlich das Gegenteil?
Wann lernen wir, unsere Stärke nicht dafür einzusetzen, einander zu vernichten, sondern einander zu unterstützen und zu beschützen? Wann begreifen wir, dass der Mensch neben uns nicht zwangsläufig unser Feind sein muss – nur weil jemand mit Macht, Einfluss oder Propaganda uns davon überzeugen will?
Vielleicht besteht die grösste Entwicklung der Menschheit nicht darin, immer mächtigere Waffen zu bauen. Vielleicht besteht sie darin, irgendwann stark genug zu sein, sie nicht gegeneinander einsetzen zu müssen.
Bild: AI – ChatGPT (Artikel mithilfe von ChatGPT verfasst)
