Zwischen Bürokratie, Bevormundung und der Frage: Wem gehört eigentlich unser Leben? Es gibt Gesetze, bei denen man zweimal hinschauen muss, weil man kaum glauben kann, dass sie tatsächlich existieren. Das Auswandererschutzgesetz gehört inzwischen dazu. Denn während Deutschland an vielen Stellen über Fachkräftemangel, steigende Lebenshaltungskosten, Bürokratie und die Zukunft des Landes diskutiert, existiert gleichzeitig ein Gesetz, das erstaunlich weitreichend regelt, wer geschäftsmässig über Auswanderung informieren oder für die Auswanderung werben darf.
Wer ohne entsprechende Erlaubnis geschäftsmässig Auskunft über die Aussichten einer Auswanderung oder die Lebensverhältnisse im Einwanderungsland erteilt, kann eine Ordnungswidrigkeit begehen. Gleiches gilt für geschäftsmäßige Werbung für die Auswanderung. Die mögliche Geldbusse: bis zu 20.000 Euro. Das Bundesverwaltungsamt ist dabei die zuständige Verwaltungsbehörde. Und genau hier beginnt die interessante Frage: Warum muss der Staat überhaupt darüber wachen, wer Menschen über das Auswandern informieren oder dafür werben darf?
Natürlich kann man das Gesetz mit Verbraucherschutz begründen. Menschen sollen nicht mit falschen Versprechungen in ein anderes Land gelockt, finanziell ausgenommen oder über die tatsächlichen Lebensbedingungen getäuscht werden. Das ist nachvollziehbar. Aber zwischen seriöser Information und staatlicher Regulierung der Entscheidung, ob jemand sein eigenes Land verlassen möchte, liegt ein erheblicher Unterschied. Denn Auswandern ist zunächst einmal eine persönliche Lebensentscheidung. Ein Mensch darf sagen:„Ich fühle mich hier nicht mehr wohl.“ Er darf sagen: „Ich möchte meine Zukunft in einem anderen Land aufbauen.“ Und eigentlich sollte er auch sagen dürfen:„Vielleicht wäre Auswandern auch etwas für dich.“
Wo endet Verbraucherschutz – und wo beginnt Bevormundung?
Das eigentlich Bemerkenswerte ist deshalb nicht einmal die Existenz eines solchen Gesetzes. Bemerkenswert ist, wie selbstverständlich wir uns inzwischen daran gewöhnt haben, dass der Staat immer neue Bereiche unseres Lebens reguliert. Was wir essen, bauen, werben, was wir sagen und sogar wie wir unser Unternehmen führen. Und nun muss man offenbar auch noch genau hinschauen, wie man über einen möglichen Weggang aus dem eigenen Land spricht. Dabei ist es gerade in einer freien Gesellschaft völlig legitim, unterschiedliche Lebensmodelle miteinander zu vergleichen. Bleiben? Auswandern? Teilweise im Ausland leben? Ein Unternehmen verlagern? Eine Zeit lang ein anderes Land ausprobieren? Warum sollte der Staat darüber entscheiden, welche dieser Optionen Menschen anderen Menschen vorstellen dürfen?
Die Ironie daran ist, dass as Gesetz trägt den Namen „Gesetz zum Schutze der Auswanderer und Auswanderinnen“. Jeder Schutz hat eine Kehrseite: Wer Menschen schützen will, muss irgendwann definieren, wovor – und gegebenenfalls auch vor wem. Und genau dort wird es politisch und gesellschaftlich interessant. Vielleicht brauchen Menschen Schutz vor unseriösen Auswanderungsagenturen. Aber brauchen sie auch Schutz vor einem anderen Menschen, der ihnen schlicht erzählt: „Ich bin ausgewandert. Für mich war es die beste Entscheidung meines Lebens.“ Oder vor jemandem, der einen Artikel schreibt: „Fünf Gründe, warum immer mehr Menschen Deutschland verlassen.“ Oder vor jemandem, der sagt: „Wenn du mit der Entwicklung hier unzufrieden bist, dann schau dir doch einmal andere Länder an.“
Vielleicht ist die eigentliche Frage eine andere
Nicht: „Wie schützen wir Menschen davor auszuwandern?“
Sondern: „Warum fühlen sich Menschen überhaupt so stark dazu gedrängt, über Auswanderung nachzudenken?“
Denn wenn ein Land möchte, dass seine Bürger bleiben, wäre der überzeugendste Weg nicht, Informationen über das Auswandern zu regulieren. Der überzeugendste Weg wäre, die Lebensbedingungen so attraktiv zu machen, dass Menschen freiwillig bleiben wollen. Ein Land sollte seine Bürger nicht dadurch halten, dass es ihnen immer mehr Grenzen setzt. Es sollte ihnen Gründe geben zu bleiben. Und vielleicht ist genau das die Frage, die wir viel häufiger stellen sollten: Wenn Menschen über Auswanderung nachdenken – warum versuchen wir eigentlich zuerst, die Auswanderung zu regulieren, anstatt uns zu fragen, was diese Menschen dazu bewegt?
Denn Freiheit bedeutet nicht nur, innerhalb eines Landes wählen zu dürfen. Freiheit bedeutet auch, gehen zu dürfen.
