Wenn die Fussballweltmeisterschaft vor der Tür steht, werden Stadien gebaut, Strassen saniert und Innenstädte herausgeputzt. Doch seit Jahren gibt es einen Vorwurf, der weit weniger Aufmerksamkeit erhält als Transfersummen oder Spielpläne:
Werden für internationale Sportgrossereignisse massenhaft Strassenhunde und Strassenkatzen beseitigt, damit die Welt ein makelloses Gastgeberland zu sehen bekommt?
Die aktuellen Vorwürfe gegen Marokko sind dabei keineswegs ein Einzelfall. Bereits vor früheren Grosveranstaltungen gab es Berichte über umfangreiche Tötungsaktionen gegen Straßentiere.
Vor der WM 2018 in Russland berichteten Tierschutzorganisationen über gezielte Tötungsprogramme in mehreren Austragungsstädten. Der Umgang mit Strassenhunden wurde international kritisiert.
Vor den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi wurden nach Medienberichten hunderte bis über tausend Straßenhunde und -katzen eingefangen und getötet. Vor verschiedenen internationalen Sportveranstaltungen in mehreren Ländern wurden immer wieder ähnliche Vorwürfe erhoben: Strassenhunde verschwanden aus Innenstädten, Tiere wurden eingefangen, in Lager verbracht oder getötet.
Besonders gravierend sind die aktuellen Vorwürfe gegen Marokko. Mehrere internationale Tierschutzorganisationen sprechen von bis zu drei Millionen Hunden, die bis zur FIFA-WM 2030 gefährdet sein könnten. Die marokkanische Regierung weist die Darstellung einer systematischen Massentötung zurück und verweist auf Programme zur Sterilisation und Tollwutbekämpfung. Gleichzeitig dokumentieren Tierschutzgruppen weiterhin Fälle von Erschiessungen, Vergiftungen und Einfangaktionen.
Die genaue Zahl der getöteten Tiere wird möglicherweise nie bekannt werden. Doch die eigentliche Frage lautet nicht, ob es 10.000, 100.000 oder mehrere Millionen sind. Die Frage lautet: Warum scheint es bei nahezu jedem globalen Mega-Event plötzlich notwendig zu werden, Tiere verschwinden zu lassen, damit Fernsehbilder sauberer wirken?
Während Milliarden Menschen gebannt auf den Rasen schauen, geraten jene Lebewesen aus dem Blickfeld, die keinen Verband, keine Sponsoren und keine Fernsehkameras haben. Vielleicht ist das grösste Problem nicht, dass die Welt diese Tiere nicht sieht. Vielleicht ist das grösste Problem, dass sie erst dann wahrgenommen werden, wenn sie verschwinden.
Die alten Römer nannten es „Panem et Circenses“ – Brot und Spiele. Wer das Volk beschäftigt, sorgt dafür, dass unangenehme Fragen in den Hintergrund treten. Damals waren es Wagenrennen und Gladiatorenkämpfe. Heute sind es milliardenschwere Sportgrossereignisse, die wochenlang Schlagzeilen, Emotionen und Aufmerksamkeit dominieren.
Während Millionen Menschen jedes Tor analysieren, Trikots kaufen und über Schiedsrichterentscheidungen diskutieren, verschwinden andere Themen aus dem öffentlichen Bewusstsein. Niemand spricht über die Tiere, die vor den Kameras verschwinden mussten. Niemand fragt nach den Kosten, den Verlierern oder den Schattenseiten der perfekten Inszenierung. Das Spektakel wird zum Mittelpunkt – alles andere zur Randnotiz.
Wenn Stadien Milliarden kosten, ganze Stadtviertel umgebaut werden und Regierungen unter Druck stehen, das Land von seiner „besten Seite“ zu zeigen, entsteht eine gefährliche Logik: Das Bild wird wichtiger als die Wirklichkeit. Und genau an diesem Punkt sollten wir uns fragen: Ist ein Strassenhund ein Problem, weil er existiert? Oder ist er lediglich ein sichtbares Zeichen dafür, dass eine Gesellschaft andere Probleme noch nicht gelöst hat?
„22 Spieler, ein Ball und Milliarden Zuschauer – doch für viele Strassenhunde beginnt die Weltmeisterschaft lange vor dem Anpfiff. Und für viele endet sie tödlich.“
Während Millionen Menschen gebannt dabei zusehen, wie 22 Millionäre neunzig Minuten lang einem aufgepumpten Stück Leder hinterherjagen, verschwinden die wirklich wichtigen Fragen aus dem Blickfeld. Wir diskutieren über Abseitsentscheidungen im Zentimeterbereich, während gleichzeitig Lebewesen, die keine Lobby besitzen, oft als störendes Hintergrundrauschen behandelt werden.
Stellen wir uns für einen Moment vor, dieselben Regierungen würden die Energie, das Geld und die Entschlossenheit, die sie für die Vorbereitung von Mega-Events aufbringen, dafür einsetzen, grosszügige Schutzgebiete für Strassenhunde und Strassenkatzen zu schaffen. Sichere Areale mit tierärztlicher Versorgung, Futter und lebenslangem Schutz. Wahrscheinlich würde die Welt diese Menschlichkeit kaum wahrnehmen.
Doch ein Turnier, eine Trophäe und ein paar Wochen Spektakel ziehen mehr Aufmerksamkeit auf sich als jedes Projekt, das Mitgefühl, Verantwortung und Respekt gegenüber den Schwächsten unserer Gesellschaft verkörpert. Wir feiern den Pokal, die Fernsehshow und die Siegerfotos – während eine Schlagzeile über ein staatlich finanziertes Paradies für tausende gerettete Tiere vermutlich nur wenige Sekunden unseres Interesses bekäme.
Vielleicht sagt eine Gesellschaft nicht durch die Grösse ihrer Stadien aus, wer sie ist. Vielleicht zeigt sie ihr wahres Gesicht dadurch, wie sie mit den Wesen umgeht.
