„Es geht so nicht weiter.“
Kaum ein Satz wird häufiger ausgesprochen. Politiker sagen ihn. Journalisten sagen ihn. Bürger sagen ihn. Man hört ihn nach jeder Krise, nach jedem Skandal, nach jedem Krieg und nach jeder neuen Belastung. Doch die eigentliche Frage lautet: Wann ist der Punkt erreicht, an dem es tatsächlich nicht mehr weitergeht? Denn offensichtlich kann sehr vieles weitergehen. Kriege können Jahrzehnte dauern. Steuern können immer weiter steigen. Altersarmut kann wachsen. Obdachlosigkeit kann zunehmen. Menschen können immer mehr arbeiten und sich dennoch immer weniger leisten. Und trotzdem dreht sich die Welt weiter.
Vielleicht liegt das größte Problem darin, dass Menschen eine erstaunliche Fähigkeit besitzen, sich an Dinge zu gewöhnen, die sie gestern noch für unvorstellbar gehalten hätten. Wann ist die Grenze erreicht?
- Ist sie erreicht, wenn Kriege zur Normalität werden?
- Wenn jeden Abend neue Bilder von Zerstörung, Leid und Tod über die Bildschirme flimmern und die meisten Menschen nach wenigen Sekunden weiterscrollen?
- Ist sie erreicht, wenn Milliarden für Waffen verfügbar sind, während gleichzeitig Rentner Flaschen sammeln müssen, um ihre Stromrechnung bezahlen zu können?
- Ist sie erreicht, wenn Schlachthöfe täglich Millionen Tiere töten und die meisten Menschen niemals einen Fuß in die Hallen setzen, in denen ihr Essen produziert wird?
- Ist sie erreicht, wenn Menschen jahrzehntelang Steuern zahlen und dennoch das Gefühl haben, niemals wirklich Eigentum oder finanzielle Sicherheit aufbauen zu können?
- Ist sie erreicht, wenn ganze Innenstädte voller Obdachloser sind und die Gesellschaft gelernt hat, an ihnen vorbeizusehen?
- Oder ist sie erreicht, wenn Menschen zwar formell frei sind, aber ihr gesamtes Leben von Rechnungen, Krediten, Abhängigkeiten und Existenzängsten bestimmt wird?
Vielleicht ist das eigentliche Problem nicht das Ausmaß der Missstände. Vielleicht ist das eigentliche Problem die Geschwindigkeit, mit der wir lernen, mit ihnen zu leben.
- Kriege werden zur Hintergrundkulisse.
- Überwachung wird zur Sicherheit.
- Inflation wird zur neuen Normalität.
- Altersarmut wird zur Statistik.
- Obdachlosigkeit wird Teil des Stadtbildes.
- Steuerlast wird als alternativlos erklärt.
- Hörigkeit wird als Verantwortung verkauft.
- Gehorsam wird als Tugend bezeichnet.
- Abhängigkeit wird als Komfort vermarktet.
Und während all das geschieht, gewöhnen sich die Menschen Schritt für Schritt daran. Die gefährlichste Entwicklung Nicht Krieg. Nicht Armut. Nicht Korruption. Nicht einmal Ungerechtigkeit. Die gefährlichste Entwicklung ist die Gleichgültigkeit. Denn solange Menschen noch empört sind, besteht Hoffnung auf Veränderung. Doch wenn sie beginnen zu glauben, dass ohnehin nichts mehr verändert werden kann, wird jedes System unangreifbar. Dann wird aus Kritik Resignation. Aus Resignation wird Anpassung. Und aus Anpassung wird Gehorsam.
Vielleicht lautet die eigentliche Frage anders. Vielleicht sollten wir nicht fragen: „Wann geht es so nicht mehr weiter?“
Sondern:
„Wie viel sind wir bereit hinzunehmen, bevor wir erkennen, dass wir die Grenze längst überschritten haben?“
Denn möglicherweise ist der Moment, an dem es wirklich nicht mehr weitergeht, nicht der Zusammenbruch eines Systems. Sondern der Augenblick, in dem die Menschen aufhören, sich überhaupt noch etwas Besseres vorstellen zu können.
